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Kommentar der Woche von Emil Sänze "Kinder an die Macht"

„Kinder an die Macht!“ – Grönemeyer, die Abenddämmerung der Merkel-Ära und die allfällige Infantilisierung der Politik. Eine musikalisch-kulturgeschichtliche Glosse oder „Eine Nummer kleiner geht es nicht“


Manche würden sagen, es ist eine seiner Winselballaden. Manche würden sagen, es war nach dem heroischen Auftritt in Wolfgang Petersens „Das Boot“ (1981), wo ihm unter Klaus Doldingers legendärer Filmmusik als Kriegsberichter Leutnant Werner im Torpedoraum ein öliger Lappen in Leica und Gesicht geworfen wird, 1985 ein prophetischer Text. Ein Programm-Text für ein Land, das seine Selbstzweifel bis zur Ohnmacht rituell kultiviert und sich (2019) in der Jagd nach kindischen Sehnsüchten und der Strukturierung von paradiesischem Wunschdenken zum politischen Handlungsprogramm selbst verliert. Im Jahre „Null nach Greta“, 2019, und aus aktuellem Anlass ist Herbert Grönemeyers „Kinder an die Macht!“ es wert, Wort für Wort in Erinnerung gerufen zu werden: „Die Armeen aus Gummibärchen / Panzer aus Marzipan / Kriege werden aufgegessen / einfacher Plan / kindlich genial. Es gibt kein Gut / es gibt kein Böse / es gibt kein Schwarz / es gibt kein Weiß / es gibt Zahnlücken / statt zu unterdrücken / gibt’s Erdbeereis auf Lebenszeit / immer für ne Überraschung gut / Gebt den Kindern das Kommando / sie berechnen nicht was sie tun / Die Welt gehört in Kinderhände / dem Trübsinn ein Ende / wir werden in Grund und Boden gelacht / Kinder an die Macht. Sie sind die wahren Anarchisten / lieben das Chaos räumen ab / kennen keine Rechte keine Pflichten / noch ungebeugte Kraft / massenhaft / ungestümer Stolz. Gebt den Kindern das Kommando / sie berechnen nicht was sie tun / usw. usw. – Grönemeyer ist einer der beliebtesten deutschsprachigen Künstler dieser Republik. Warum?
Grönemeyer stellt in seinem Text die elementare Macht- und Kommandofrage, jedoch unterlässt er es noch, aus seinen Befindlichkeiten politische Forderungen zu konkretisieren und sein Wunschdenken in ein politisch-soziales Programm zu fassen - dies holt erst die Jetztzeit nach. Was aber lässt sich an elementaren Lebens-Sehnsüchten herausarbeiten (1985), deren Erfüllung sich mitten im Kalten Krieg der Barde von einer Infantilisierung der Macht verspricht? Nicht weniger als die zeitlose Sehnsucht nach einer Überwindung der seit dem Buch Hiob als mangelhaft und tragisch beschriebenen, eben auch durch persönliches Leid, Negativerleben und Schicksalsschlägen gekennzeichneten Conditio Humana spricht: 1. Es soll keine Kriege, keine Konflikte mehr geben. Die militärischen Mittel der Konfliktaustragung werden entsprechend unernst behandelt, reale Auseinandersetzungen verbal verdrängt. 2. Die dualistische Struktur der Welt (Gut – Böse, Schwarz – Weiß) wird als Hindernis auf dem Wege zu universaler, irdischer Harmonie wahrgenommen - als ungeliebte Verhaltens-Verpflichtung, als Konfliktgrund. All dies soll nach dem infantilen Willen nicht mehr existieren: Die Welt, Alle sollen gut sein, alle sollen zu lachen, alle sollen immerwährende Freude haben. Dieser Gedanke wird nicht nur alle Gruppen oder Rassen, er wird auch die heutigen Nutztiere einschließen. Ohne Konflikte und Verpflichtungen wird es auch keine Reue mehr geben. Ewiger Frieden wird herrschen – jedoch absehbar keine technische, wirtschaftliche, soziale Evolution mehr, denn die Ungleichheit ist als Triebfeder des Fortschrittsstrebens erledigt. 3. Diese künftige Welt ist zugleich ein Schlaraffenland, so dass – weil es keine Verteilungskämpfe gibt - soziale Unterdrückung entfällt. Kindliche Lust-Bedürfnisse werden auf Lebenszeit befriedigt, erstere Bedürfnisse nicht erwähnt. Ob des Barden Text sich auch auf den Stand künftiger Zahnmedizin bezieht, muss offenbleiben. 4. Die erwünschte Gesellschaft ist elementar unernst und anarchisch. Offenbar besteht keine Notwendigkeit mehr zu konstruktiven Zielsetzungen, und sei es nur die Selbsterhaltung. Chaos wird als Möglichkeit toleriert. 5. Konsequenterweise werden dann auch keine Rechte - Anderer? - oder - eigene? - Pflichten anerkannt. 6. Es wird unreflektiert gehandelt und man ist darauf auch noch stolz. Die Notwendigkeit von Kenntnissen für den sinnvollen Gebrauch der Macht wird nicht erwähnt. 7. Der infantile Ansatz wird als urwüchsige, unverdorbene Kraft ohne moralische Skrupel glorifiziert, von der offenbar Heil für eine moralisch ermüdete und in Selbstzweifeln befangene Gesellschaft ersehnt wird. Deren Stärke liegt geradezu im als urwüchsig gefeierten Unwissen und im Fehlen von konkreten Zielen (und Bewertungsmaßstäben) jenseits eines ziemlich konturenlosen „guten Willens an sich“, oder eben des Von Verantwortung und Strukturierung freien „von sich Überzeugtseins“. Das Handeln der Kinder selbst schafft seine eigene Sinnstiftung. – Die Politik hat als Problemlöserin die Bühne verlassen. Sie wendet sich heute den Kindern geradezu dankbar um Erlösung von ihrer Verantwortung bittend als Sinnstiftern zu, deren Handeln die Grenze zur Politik überschreitet und als unschlagbare Legitimation den totalen Imperativ „Es ist unser Planet, es geht um unsere Zukunft!“ anführt. Keiner kann sich hier entschuldigen und mal raus.
Einer der beliebtesten Politiker dieser Republik ist der GRÜNE Robert Habeck, genauer: der Germanist Dr. Robert Habeck, bekannt als mehrfach für Auszeichnungen nominierter Autor von Kinderbüchern, Romanen und sonstigen freundlichen Buch-Narrativen wie “Wer wagt, beginnt“ (2016) und „Wer wir sein könnten“ (2019). Das ist zwar nicht wie in der Ukraine, wo ein TV-Satiriker Staatsoberhaupt wird, aber vielleicht doch von Aussagekraft über die Sehnsüchte dieser Gesellschaft, und kein Zufall. 2019 ist die Überwindung der ewigen Conditio Humana eine politische Roadmap. Am 9. Februar 2019 bloggt Habeck unter dem Titel „Zeit der Kinder. Jetzt.“: „Jeden Freitagvormittag demonstrieren seit ein paar Wochen Schülerinnen und Schüler dafür, dass die Politik der Erwachsenen auch erwachsen handelt und mit dem Vorsatz, die Klimakatastrophe abzuwenden, ernst macht. In Berlin laufen die Fridays For Future-Streikenden im Invalidenpark neben dem Wirtschafts- und Energieministerium auf. (…) zweimal hab ich mich unter die demonstrierenden Schülerinnen und Schüler gemischt. Ich konnte die Energie, den Hunger, die Sehnsucht in der Menge geradezu spüren. Aber auch das Unverständnis und die Verbitterung, dass es überhaupt zu diesen Protesten kommen musste. Sie rufen uns entgegen: „Tut endlich was! Jetzt!“ (…) Diese Schülerinnen und Schüler sind die Kinder, von denen wir ‚unsere Welt‘ nur geborgt haben. Sie sind das jetzt. Dass sie auf der Straße sind, ist das eindringlichste Zeichen, dass die Zeit knapp und das ökologische Korsett eng wird. Die Zeit der lässigen Lässlichkeit ist vorbei. Wir reden nicht mehr über Jahrzehnte, in denen die Umkehr gelingen muss, sondern über wenige Jahre. Wir reden nicht mehr von einer abstrakt weiten Zukunft, sondern von unserer Welt und unserer Wirklichkeit. Es ist die Zeit der Erben angebrochen. (…) Die ökologische Krise einzudämmen ist die historische Aufgabe unserer politischen Generation. Gelingt uns das nicht, dann haben wir als politische Generation versagt. In diesem Wissen lasst uns beweisen, dass es gelingt.“ Den von der hier beschriebenen Generation des „Jetzt“, die den Gestus der imperativen Dringlichkeit vor sich herträgt und ihr Lebens- und Zukunftsrecht (als hätten die übrigen derzeit lebenden Menschen keines), auf der Straße vorgetragenen Alarmismus des „Tut endlich was!“ nutzt Habeck in seinem Blog, um alle bisherigen Bedenken aktueller Verantwortungsträger gegen radikale Maßnahmen verbal als schlichte hilflose Untätigkeit und unverantwortliches Zaudern wegzuwischen. Dabei werden wenige der hier als so urkräftig und in ihrem Halbwissen so vital gelobten Schulschwänzer einen CO2-Kreislauf, eine Sonneneruption oder einen Milankovic-Zyklus erklären können. Von sinnlosen Diskussionen über die Genese von Schadstoffgrenzwerten ist die Rede, wo doch die gerade Kinder in ihrer unverdorbenen Kraft angeblich verstanden haben, wie die so der Rettung bedürftige Welt im Handumdrehen zu retten sei – gerade die unterstellte Unbelastetheit mit zu viel Wissen, zu vielen Abwägungen, zu vielen Dilemmata, ja die unterstellte Unschuld selbst wird nun zum Nachweis besonderer instinktiv-herzlicher Beurteilungskompetenzen erhoben. Und diesem direkten Imperativ aus dem Kindermund der bedrohten Zukunft zu folgen sei nun, in der Energiepolitik, im Verkehr, in der Landwirtschaft, die Verantwortung der demokratischen Politik. Eine Nummer kleiner geht es nicht; es ist Endkampf um die Zukunft des Planeten befohlen. Dabei sind, bei all seiner facettenreichen Beobachtungsgabe und einem ausgeprägten Gespür für gesellschaftliche Stimmungen und Schwingungen, Habecks eigene politische Vorstellungen (wie er im ZDF-Interview mit Richard David Precht „Frisst der Kapitalismus die Demokratie?“ offenbart, auf YouTube) im Gegensatz zu seiner detaillierten Diskussion der Herrschaftsmittel ausgesprochen wolkig, krude und primitiv: Mittels einer ökologischen Revolution die Welt retten. Das namenlose Gute. 
Wann immer Erwachsene Kinder in ihrem Handeln anfeuern, wenn sie sie mit einem historischen Auftrag befrachten, ist Obacht geboten, sei es nun, dass man in Langemarck (1914) begeisterte Kriegsfreiwillige mit „Hurra!“ und „Deutschland über alles!“ den französischen Maschinengewehren entgegenschickte und nachher zynische Lobreden hielt, dass (1936) sowjetische Jungpioniere ihre reaktionären Eltern bei der Staatsmacht denunzierten, oder dass dasselbe in der Großen Proletarischen Kulturrevolution den Volksrepublik China (nach 1966) stattfand, wo Jugendliche ihre Professoren und jeden Andersdenkenden oder gar Besitzenden als Konterrevolutionäre verprügelten. Der Hurrapatriotismus der Alten, die nicht mehr aufeinander schossen, die zynische Vergewaltigung einer Gesellschaft durch eine kommunistische Clique, der Große Sprung nach vorn mit seiner blödsinnigen Vernichtung von Kultur, Werthaltungen und Wirtschaft – sie alle sind dasselbe Phänomen des Kinderkreuzzugs gegen Andersdenkendes, angezettelt von Alten, die sich im Besitz der letztgültigen Wahrheit wähnten und die ihre eigenen Kinder zynisch instrumentalisierten. Wer Gleichheit will, und nicht alle klug machen kann, der greift die Fundamente der Bildung an und ersetzt sie durch Ideologie, macht alle dumm und alle arm. Er wird in seinen Mitteln gegen Andersdenkende willkürlich brutal und ersetzt Recht durch sein Empfinden. Ein Mensch ist für ihn ganz falsch, oder ganz richtig, und dies entscheidet nicht der objektive Sachverhalt, sondern die Gesinnung des Ideologen. „Die Große Proletarische Kulturrevolution ist eine Revolution, die die Seelen der Menschen erfasst hat. Sie trifft die grundsätzliche Position der Menschen, bestimmt ihre Weltanschauung, bestimmt den weg, den sie bereits gegangen sind oder noch gehen werden und erfasst die gesamte Revolutionsgeschichte Chinas. Dies ist die größte, in der Geschichte der Menschheit noch nie dagewesene Umwälzung der Gesellschaft. Sie wird eine ganze Generation von standfesten Kommunisten heranbilden“, schrieb Mao Zedong über seine Ziele. Jedem, den diese Worte – die Hybris allen, eine lebendige Gesellschaft als Labor, Experimentierfeld, dem Herrscherwillen der angeblich Berufenen unterworfene Gestaltungsmasse zu betrachten, seien dringend zur Lektüre die Strategiepapiere (2011, 2014, 2016, 2019) des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung ( www.wbgu.de) empfohlen, die im Verein mit dem Pariser Klimaabkommen und den Vereinten Nationen mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen die sogenannte Klimarettung wortwörtlich als eine Chance zur „Großen Transformation“ einer globalen Gesellschaft, als Weltregierung begreifen. Hier wird klar, wer die Gretas dieser Welt sind, und wer sie wozu als „nützliche Idioten“ (Lenin) gebrauchten kann. „Die Lehre von der Gleichheit ist das Ende der Gerechtigkeit“, sagt Nietzsche. Greta ist die neue unduldsame Moral, die neue Tyrannei, die Peitsche für das Gewissen einer sinnsuchenden Nation und Gesellschaft, mit der man diese Gesellschaft in die gewollte Richtung treiben kann. Und Nietzsche sagt: „Die Guten, das war immer schon der Anfang vom Ende.“
Carola Rackete, Jahrgang 1988, die Kapitänin, die entgegen einem Verbot der italienischen Behörden am 29. Juni 2019 das Schiff „Sea Watch 3“ widerrechtlich in den Hafen von Lampedusa gesteuert hat, um dort 40 vor der libyschen Küste an Bord genommene Migranten abzuladen, und die dafür heute von Außenminister Maas, Bundespräsident Steinmeier und weiten Teilen der selbsternannten „Zivilgesellschaft“ frenetisch gefeiert wird, ist ein Kind ihrer Zeit. Der infantile Lebensentwurf im öffentlichen Raum bedeutet zugleich eine radikale Voranstellung des autonomen Individualismus, subjektiver Standpunkte, und der Ablehnung aller gewohnten Normen, wo man sich einmal entschlossen hat, zur Herde der „Guten“ gehören zu wollen. Fremdes Recht, fremde Hoheit, fremder Brauch – er gilt den „Guten“ nichts, wenn sie „das radikale Gute“ durchzusetzen glauben. Dies ist zugleich das Charakteristikum unserer heutigen deutschen Kamikaze-Diplomatie, welche alle widerborstigen Regierungen von demokratischen Nachbarstaaten zu geradezu Unmenschen erklären, die die Interessen ihrer Völker irgendwelchen abstrakten Konzepten voranstellen, und die in ihrem kindischen Bessermenschenwahn das Recht und die Souveränität dieser Völker nicht mehr zu respektieren bereit ist.
Und eine weitere Facette: „Taken By A Stranger“, sang der Schlagerstar Lena Meyer-Landrut noch 2011, wie in einer Vorahnung nationaler Selbstvergessenheit und des kollektiven Willens, des exotischen Abenteuers, verfügt und verführt zu werden (… „lured into the danger“) – während die Männer nach Ratschlag führender Sozialwissenschaftler mit gegelter Gockelfrisur ins „postheroische Zeitalter“ entschwunden sind und sich dort kindisch selber bejammern. Jetzt hat die Nimm-mich-Phantasie real stattgefunden, und mit ihr der Kater des folgenden Morgens, der nach der ebenso rauen wie absehbaren Selbsterfahrung mit infantilen Selbstbeschwichtigungsriten und Werteschwüren schöngeredet wird und schamhaft in Selbstumnachtung und Selbstauslöschung flieht, effektvoll den sterbenden Schwan in makelloser moralischer Schönheit spielen will. Hier setzt die Zukunft der Kinder an, die heute ihre Zukunft einfordern, aber sie wissen es noch nicht. „Zeit, dass sich was dreht!“, sang Grönemeyer 2006 zum Fußball. Und diesmal hat er recht!


Ihr Emil Sänze


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